Hast du als Kind manchmal wahllos und rein zufällig Telefonnummern gewählt und geschaut, wo du landest (… und dann schnell aufgelegt?). Zumindest tut das die Frau in Tine Melzers neuem Roman „Lotto“ auch noch als Erwachsene. Aber nur nach Feierabend, denn tagsüber telefoniert sie auch beruflich. Sie arbeitet nämlich im Home Office in einem Call Center und befragt für verschiedene Umfragen die Menschen.
Dabei hat sie gemerkt, wie viel die Menschen von sich aus erzählen, wenn ihnen endlich jemand zuhört.
“Ich bin eine, die nicht urteilt, eine, die zuhört, gütig und konfessionslos. Eine, die keine Rolle spielt in ihrem Leben.”
Und nach Dienstschluss spielt sie einfach Lotto mit den Zahlen der Tastatur und schaut, wen sie an die Strippe bekommt.
Dabei arbeitet Melzers Erzählerin nicht ganz freiwillig von zu Hause aus. Bei einem Autounfall hat sie Gesichtsverletzungen davongetragen, fühlt sich entstellt und in der Öffentlichkeit beobachtet. Schon seit Monaten hat sie das Haus nicht mehr verlassen, das Telefon ist ihr Kontakt zur Außenwelt.
Was mir an „Lotto“ von Tine Melzer sofort auffällt, ist eine thematische Ähnlichkeit zu „Do Re Mi Fa So“, ihrem letzten Roman, den ich sehr mochte. Wieder ist ihre Figur überfordert und verletzt und verweigert sich der sozialen Teilhabe durch Isolation.
In „Lotto“ greift Melzer auch noch andere gesellschaftliche Themen auf, ganz zentral die Einsamkeit und Isolation der Menschen in ihren Wohnungen und ihr Bedürfnis nach Kontakt und Aufmerksamkeit. Oft reicht der Anruf einer völlig Fremden, und die Dämme brechen.
Viele, so auch die Erzählerin, haben große Angst vor Ablehnung und ziehen sich deshalb zurück, bis die Komfortzone zum Gefängnis wird.
“Die eigenen Geheimnisse sind manchen so verborgen, dass sie ihr ganzes Leben danach ausrichten, ihnen nicht zu begegnen.”
Melzer erzählt die Geschichte ihrer Erzählerin und die ihrer vielen anderen Figuren in Form von Telefongesprächen und Lebensbeichten. Es gibt nur wenig Plot an sich, die Handlung ist überschaubar. „Lotto“ ist ein Roman, der, genauso wie „Do Re Mi Fa So“, nur eine innere Heldenreise beschreibt. Ich persönlich denke nicht, dass Call-Center-Mitarbeiter*innen diese Art von Gesprächen führen, aber das macht für mich den Roman nicht weniger glaubhaft.
Vereinsamung und Isolation sind real, nie war es leichter, sich völlig aus der Gesellschaft zu entziehen und aus Angst auf analoge Kontakte zu verzichten, wie es die Erzählerin in „Lotto“ tut.
Wieder ein schöner und nachdenklich machender Roman der in Zürich lebenden Autorin, deren Arbeiten ich weiter verfolgen werde.
Vielen lieben Dank an den unabhängigen, österreichischen Jung & Jung Verlag für das gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Tine Melzer für Ihren neuen Roman!





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