Milch, Kühe, Kälber, Kinder, Brüste, Melken, Sex, Vergangenheit und Gegenwart. In dem Debütroman „Melken“ der schwedischen Journalistin und Autorin Sanna Samuelsson fließt alles zusammen und vermischt sich zu einer interessanten, schillernden und leicht stinkenden Brühe.
Die Ich-Erzählerin des Romans, Ellen, ist auf einem ländlichen Milchbauerhof aufgewachsen, lebt aber mittlerweile längst in der Stadt. Nachdem sich ihre Freundin Diana von ihr getrennt hat, flieht Ellen aus der gemeinsamen Wohnung und kehrt zu dem Hof zurück, auf dem sie aufgewachsen ist. Dort wohnen allerdings längst andere Menschen, da die Eltern der Erzählerin der Hof schon länger aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben mussten.
Weil die neuen Bewohner*innen glücklicherweise gerade im Urlaub sind, quartiert sich Ellen kurzerhand dort ein, in dem Zimmer, das früher ihr Kinderzimmer gewesen ist.
Dabei wird sie misstrauisch von Max, ihrem ehemaligen Nachbarn und Freund aus Kinder- und Jugendtagen beäugt.
Wer wird alles gemolken? „Melken“ als Kapitalismuskritik?
Während die Erzählerin über den ehemaligen Hof und durch das Haus streift, denkt sie an früher, an die Milch und an die Kälber, die sie hatten, an ihre Ex-Freundin und daran, wie fake eigentlich mittlerweile alles ist. Vieles hat sich seit früher in der Landwirtschaft und für die Milchbetriebe verändert.
“In riesigen Milchproduktionskomplexen werden die Kühe durch Automatiktüren trotten, sich selbst abmelken, Kraftfutter aus Automaten fressen, träumen.”
In meiner Lesart des Romans stehen die Veränderungen in der Viehhaltung stellvertretend auch für die Veränderungen, denen die Gesellschaft und die Erzählerin selbst unterworfen sind. Früher hat sie auf dem Hof bei ihren Eltern gelebt und war ein Kind. Jetzt ist sie erwachsen geworden, hat Sex und ist auf sich alleingestellt.
“Es ist besser, Kind zu sein als erwachsen. Aber wir, die von unserer Kindheit erfüllt sind, werden vielleicht nie richtig erwachsen.”
Über dem ganzen Text liegt eine große Sehnsucht nach etwas Heilem, aber auch das düstere Bewusstsein, dass dieses Heile nie wieder herstellbar sein wird. Die Erzählerin wird nie wieder ein beschütztes Kind sein, die Milchproduktion hat längst ihre Unschuld verloren und ist wie wir alle dem Kapitalismus unterworfen.
Eine Rückkehr ins Kinderzimmer ist nicht möglich.
Ich fand den Roman wirklich super interessant und literarisch sehr ansprechend. Ich würde schon sagen, dass nicht jede Interpretation so klar auf der Hand liegt, sondern dass ich als Leserin gefordert bin, selbst zu denken, in einem Maße, das ich noch als anregend empfinde.
Die düstere und etwas trostlose Atmosphäre hat mir auch mega gefallen und ich würde mir sofort einen weiteren Roman von Sanna Samuelsson holen und finde sie als Schriftstellerin super interessant.
Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat
Vielen lieben Dank an den Hanser Literatur Verlag für das spannende Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Sanna Samuelsson für ihren Roman!


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