Ufuk ist ziemlich verzweifelt. Ufuk ist der Protagonist von Nuran David Calis neuem Roman „Rausch“. Der Regie-Student hat eine Inszenierung mit einer modernen Interpretation des „Odysseus“-Mythos vorbereitet. Und die Hauptrollen mit zwei jungen Asylbewerbern besetzt. Die beiden werden aber kurz vor der Aufführung verhaftet, weil ihnen vorgeworfen wird, sich illegale und unter falscher Identität in Deutschland aufzuhalten.
Ufuk hat selbst eine schwierige Migrationsgeschichte hinter sich. Er kam als Kind mit seinen Eltern als Asylbewerber aus der Türkei nach Deutschland. Erst nach neun Jahren wird ihr Asylantrag genehmigt, als Ufuks Eltern nachweisen können, wie sehr sie in der Türkei wegen ihrer armenischen Herkunft und ihres politischen Aktivismus verfolgt wurden.
“Seine Eltern waren marxistisch-leninistische Untergrundkämpfer gewesen. Sie wurden verhaftet. Gefoltert. Seiner Mutter fehlten zwei Fingernägel, seinem Vater einer. Seine Mutter wurde, während der Vater in Haft war, zu Hause brutal von einer inoffziellen Sondereinheit der Polizei vergewaltigt. Sie hatten alles auf Fotos festgehalten, während er als Dreijähriger versteckt hinter der Waschmaschine lag.”
In seiner Interpretation von „Odysseus“ verarbeitet Ufuk diese Erfahrungen und die permanente Diskriminierung und Gewalt, von der in Deutschland alle bedroht sind, die von Rassist*innen nicht sofort als „Bio-Deutsch“ identifizierbar sind.
Nuran David Calis lässt seinen Roman teilweise in den 90ern spielen. Ufuk erlebt den Ausländerhass dieser Jahre, erlebt die Reaktionen auf Hoyerswerda, Solingen, Mölln, Rostock-Lichtenhagen.
Und jetzt wurden die wichtigsten Darsteller für sein politisch aufgeladenes Stück verhaftet. Frustriert und desillusioniert nimmt Ufuk das Angebot des reichen Ex-Freundes seiner Freundin Johanna an. Acki hatte die beiden eingeladen, mit seinem Privatflugzeug an die Côte d‘Azur zu fliegen.
Ufuk verliert sich in einem Rausch aus Betäubung, dem Wunsch zu vergessen und Verdrängung.
Und dabei ist das nicht der einzige Rausch, auf den sich meiner Lesart nach der Titel „Rausch“ bezieht, sondern auch auf den Zustand, in den sich unsere Gesellschaft genau heute befindet.
“Es gibt Menschen, die nur in diesem Rausch leben möchten, nicht in der Realität, die entrückt sein wollen. Die sich ihre eigene Realität schaffen, fern von der eigentlichen. Während sich alles um sie herum dreht, wollen sie sich nicht bewegen. Nichts hören. Tag und Nacht sollen keinen Unterschied machen, laut und leise auch nicht, dieses wunschlose Leben kann auch schön sein.”
Ich habe mittlerweile einige Romane, die sich mit der Realität von Postmigration in Deutschland auseinandersetzen, gelesen. Ich mochte die Romane von Çiğdem Akyol, Fikri Anıl Altıntaş, Dilek Güngör, Dinçer Güçyeter oder Necati Öziri oder das autobiografische “Kartonwand” von Fatih Çevikkollu.
Wer ist im „Rausch“?
Und „Rausch“ passt eigentlich thematisch ganz hervorragend in diese Reihe. Und auch wieder nicht, denn „Rausch“ ist schon ein wenig anders.
„Rausch“ ist ein unglaublich vielschichtiger, komplexer und höchst politischer Roman, in dem Nuran David Calis mit mehreren Meta-Ebenen arbeitet.
Beispielsweise spiegeln sich einige Nuran David Calis eigenen Erfahrungen in Ufuks Geschichte wider, wie aus seiner Danksagung am Ende des Romans hervorgeht und wie im Roman selbst angedeutet wird.
“Du hast eine Geschichte wie ein Roman, voller Wendungen und Brüche, alles an dir ist kompliziert, nichts ist gerade. Du musst was damit machen.”
Den Erzählstil von Nuran David Calis würde ich als emotional reduziert beschreiben, was aber teilweise gut mit den geschilderten emotionalen Ereignissen kontrastiert. Und mit der inneren Abspaltung und Verzweiflung Ufuks angesichts seiner unerträglichen Erlebnisse und Erfahrungen zusammenpasst.
Und obwohl das eigentlich nicht mein bevorzugter Erzählstil ist, habe ich den Roman mit ziemlich aufgeregt und gefesselt gelesen.
Nicht unerwähnt lassen möchte ich den absolut krassen und für mich komplett überraschenden Plottwist, der gegen Ende des Romans noch mal eine weitere spannende Metaebene eröffnet.
»Kunst ist keine Politik, Kunst ist Widerstand «, sagte Ufuk,
Ein großes Dankeschön an den die S. Fischer Verlage für das schöne Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Nuran David Calis für seinen Roman!





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