Ich lese super gerne literarisch aufbereitete True Crime Stoffe, egal ob als Sachbuch, Dokumentation oder autofiktionalen Recherchebericht.
Allerdings ist „Keine besonderen Auffälligkeiten“ nichts davon. Sondern ein Kriminalroman, der auf einer wahren Serien von Gewaltverbrechen in den 90ern in der Nähe von Potsdam beruht.
Ein Kriminalroman, „der auf in unterschiedlichsten Quellen, vor allem Zeitungsberichten, umfangreich beschriebenen Serientaten basiert, die 34 bis 36 Jahre zurückliegen und doch nicht vergessen werden können. Er versucht, aus der Fülle an Artikeln, Interviews und Berichten das herauszudestillieren, was auch für unsere heutige Gesellschaft noch Relevanz hat, ohne in den Chor der damaligen auf Schock, Grusel und maßlose Empörung ausgerichteten Boulevardpresse einzustimmen.“
Das Besondere ist, das parallel zum frisch erschienen Roman eine dreiteilige Doku aus der Reihe ARD Crime Time erschien, die die Autorin Sophie Sumburane bei ihrer Recherche zu dem Fall begleitet.
In ihrem Roman ergänzt Sumburane die bekannten Fakten und ihre eigenen Recherchen mit zwei fiktiven Erzählerinnen, Hedi und Gabi. Die beiden leben in einem kleinen Dorf in Brandenburg, in dem völlig überraschend eine Frau in einer Kleingartensiedlung getötet wird. Der Mörder ist flüchtig.
Völlig überraschend, weil eine solche Tat im Empfinden nicht zu dem vorherrschenden Sicherheitsgefühl im Osten passen will. Mörder und Gewaltverbrechen gehörten nicht in das sozialistische Weltbild der DDR und wurden der breiten Öffentlichkeit nicht publik gemacht. Nach der Wende scheinen Verbrechen und Kriminalität plötzlich allgegenwärtig.
Doch es braucht noch mehrere Tote, bis die Polizei endlich eine Verbindung zwischen den ermordeten Frauen herstellt.
Keine besonderen Auffälligkeiten?
Gabi und Hedi haben da schon früher den richtigen Riecher, sind sie doch selbst schon im Wald einem unheimlichen, blonden Mann begegnet… Sie ziehen auf unterschiedliche Weise ihre eigenen Schlussfolgerungen und Konsequenzen.
Leider muss ich sagen, dass mich „Keine besonderen Auffälligkeiten“ als Kriminalroman nicht überzeugt hat. Dass bei mir keine Spannung aufkommt, mag daran liegen, dass ich den Fall des „Rosa Riesen“ bereits kannte. Und auch im Voraus schon wusste, welche Opfer, Ermittlungsversäumnisse und welches Medienecho folgen würden. Als Liebhaber*in des Genres las ich über den Fall bereits in dem Artikel „Rosa Riese“ des Magazins „Stern Crime“ von 2019.
Aber auch literarisch löst der Roman bei mir jetzt kein Freudenfeuerwerk aus. Die geschilderten Szenen bestehen in der Regel aus sehr (!) viel direkter Rede und Dialogen, in denen teilweise offensichtliches erklärt wird. Ob das der Tatsache geschuldet ist, dass Sumburane, die bereits mehrere Kriminalromane veröffentlicht hat, als Autorin auch Hörspiele schreibt? Dadurch liest sich der Roman zwar durchaus flüssig und lebendig, mein Fall ist das allerdings nicht so.
Doch finde ich es definitiv sehr begrüßenswert, dass die Autorin, die selbst in Potsdam als Kind der Wende geboren wurde, mit ihrem Roman die Menschen sichtbar machen will, die oft vergessen werden: die Opfer.
„Denn die Namen, an die wir uns erinnern sollten, sind die der Frauen, die Opfer wurden.“
Wenn dich der Fall interessiert, würde ich dir auf jeden Fall die wirklich tolle Dokuserie der ARD Crime Time empfehlen. Darin spricht Sumburane mit den Angehörigen eben jener Opfer und mit anderen Zeitzeugen der damaligen Verbrechen.
Die Gewalttaten des „Rosa Riesen“ sind auch 35 Jahre später noch immer in der Region spürbar.
Ein großes Dankeschön an den unabhängigen Edition Nautilus Verlag für das sehr gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Sophie Sumburane für ihren Roman und für ihre weitere Arbeit (unter anderem als Teil des Netzwerks „Herland – feministischer Realismus in der Kriminalliteratur“)






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