Plötzlich ist ein kleiner Fötus aus Plastik in der Post. Abtreibungsgegner greifen zu den drastischsten Mitteln, um bei ihren Adressatinnen eine Reaktion zu erreichen. Und Lydia, die den Brief mit dem Plastikfötus geöffnet hat, reagiert zweifellos drastisch. Sie verstummt völlig und reagiert nicht mehr auf ihre Enkelin Rina und ihre Nichte Valli.
Die beiden fragen sich, was hat ihre Tante und Großmutter so erschüttert hat, dass sie so extrem auf die unlautere Aktion reagiert? Gibt es Ereignisse in der Vergangenheit, an die sich Lydia nur ungern erinnert, und die durch den kleinen Plastikfötus wieder lebendig geworden sind?
Rina und Valli beginnen Fragen zu stellen und gehen selbst zurück in die Vergangenheit, um endlich miteinander ins Gespräch zu kommen, über die Dinge, über die in ihrer Familie viel zu lange nicht gesprochen wurde.
In ihrem Debütroman „Parasiti“, der jetzt auch ganz frisch auf der Auswahlliste der Hotlist, dem Buchpreis der unabhängigen Verlage, steht, spannt Alisha Gamisch einen Erzählbogen von Novosibirsk in den 60er bis in heute in Fürstenfeldbruck.
Dort hat die Familie von Lydia mittlerweile schon länger als russlanddeutsche Einwanderer Fuß gefasst. Doch dieser Weg war nicht einfach und hat die Familie öfter auseinandergerissen.
Gamisch nutzt die verschiedenen Erzählperspektiven der Frauen, um verschiedene Aspekte von Migration, weiblicher Selbstbestimmung und Emanzipation zu erzählen.
Mich hat besonders Lydias Geschichte angesprochen, die als junge verheiratete Frau verzweifelt versucht, aus dem Teufelskreis aus unerwünschten Sex und ungewollten Schwangerschaften mit anschließender Abtreibung auszubrechen.
Wer ist hier der Parasiti?
Dass Abtreibungen zu dieser Zeit in Russland erlaubt und sogar erwünscht und staatlich unterstützt wurden, konnte ich bereits in Lena Goreliks „Alle meine Mütter“ lesen und bestürzt mich auch hier wieder in Gamischs Beschreibung der nachlässigen und fließbandartigen Abfertigung der Frauen.
Wie Gamisch die Erzählperspektiven miteinander verschränkt gefiel mir sehr gut, aber ich brauchte tatsächlich eine Weile, bis ich die Verwandtschaftsverhältnisse zuordnen konnte. Generell schätze ich auch Leerstellen, die entstehen, wenn ich nicht alles komplett auserzählt wird, doch hier hätte ich mir vielleicht doch ein wenig mehr Kontext gewünscht.
Gamisch, die bereits einen preisgekrönten Lyrikband veröffentlicht hat, stammt selbst aus einer russlanddeutschen Familie und nutzt russlanddeutsche Ausdrücke als wesentlichen Bestandteil der Sprache ihrer Figuren. Zum besseren Verständnis (die meisten erschließen sich mir auch aus dem Kontext) ist ein kleines russlanddeutsches Inventar angehängt, das die Verschmelzung von Sprache und Dialekt im Alltag der Figuren abbilden soll.
Ich drücke „Parasiti“ die Daumen für die Hotlist 2026 und bedanke mich beim unabhängigen Verlag Voland & Quist für das schöne Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg auch an Alisha Gamisch für ihren Roman!




Schreibe einen Kommentar