Ich habe von Carys Davies bereits „Ein klarer Tag“ gelesen, was mich sehr angesprochen hatte. „Das Pfarrhaus“ empfand ich jetzt auch als interessant, aber nicht unbedingt als Lesehighlight, auch wenn mir gewisse Aspekte durchaus sehr gut gefallen hatten.
„Das Pfarrhaus“ erschien als „The Mission House“ im Original bereits 2020 und wurde jetzt von Eva Bonné ins Deutsche übersetzt.
Diesmal lässt Davies ihre Handlung in den Teeplantagen der indischen Berge spielen und entwirft ein kleines, vom britischen Post-Kolonialismus geprägtes fiktives Dorf. Und wie schon in „Ein klarer Tag“ hat Davies ein ausgesprochenes Faible für besondere Typen. Ihr Protagonist ist der alleinstehende und sensible Hilary Byrd, der nach einer psychischen Krise nach Indien gereist ist um seine angeschlagenen Nerven zu beruhigen.
So ganz funktioniert das nicht in der schwülen Hitze Indiens und so findet er dankbar Unterschlupf im Pfarrhaus eines älteren anglikanischen Geistlichen, das einer wahren Oase gleicht.
Dort kommt er endlich zur Ruhe und findet große Freude daran sich täglich von einem einheimischen Rikschafahrer namens Jamshed durch die kleine Stadt in den Bergen fahren zu lassen. Auch in der sehr jungen Haushälterin Priscilla findet er angenehme Gesellschaft.
Doch er realisiert peinlich berührt, dass sein Gastgeber dringend einen Ehemann für die junge Frau zu suchen scheint. Wurde er etwa zu diesem Zweck ins Pfarrhaus eingeladen?
Das Pfarrhaus als Enklave des Kolonialimus?
Natürlich ist „Das Pfarrhaus“ keine muntere Geschichte mit Liebesirrungen und Wirrungen, auch wenn das vielleicht passagenweise so scheint. Aber spätestens auf den letzten Seiten haben wohl alle Leser*innen begriffen, dass es hier eine tiefschürfendere Lesart braucht.
Davies eröffnet in „Das Pfarrhaus“ gleich mehrere Themenfelder, eines der prägnantesten ist wohl das Nachleben des Kolonialismus und das tiefverankerte unbewusste koloniale Überlegenheitsgefühl von Europäern, das bis heute anhält.
Das Setting, das Davies beschreibt, wirkt sogar stellenweise so altertümlich, als spielte die Handlung zur Zeit des Kolonialismus. Nur kleine Erwähnungen von Internetcafés oder ein Kino, in dem „Der mit dem Wolf tanzt“ läuft, machen deutlich, dass wir uns wohl bereits in den 90ern befinden.
Für mich war gar nicht Hilary Byrd die interessanteste Figur, sondern der Fahrer Jamshed und die Beziehung, die ihn mit seinem Fahrgast verbindet. Davies stellt die Verbindung der beiden Männer mit einem großen Machtgefälle dar. Umso mehr bin ich überrascht, wie sich Jamsheds Gefühle gegenüber Byrd verändern.
Hinter der offensichtlichen Kolonialismuskritik wird vieles in diesem Roman nicht offensichtlich auserzählt, sondern deutet sich genauso wie eine drohende Gefahr, nur subtil an.
Auch die Vielzahl an doch recht komplexen Figuren fand ich etwas überladen im Gegensatz zu dem viel reduzierteren „Ein klarer Tag“.
„Das Pfarrhaus“ war für mich sicher ein interessanter Roman, aber meine Erwartungen, die der dramatisch dräuende Klappentext geweckt hatte, haben sich nicht recht erfüllt.
Vielen lieben Dank an den Luchterhand Literatur Verlag für das gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Carys Davies für die deutsche Übersetzung ihres Romans!





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