Das Cover von „Ein verlassenes Haus“ sticht mir sofort ins Auge. Ich liebe die kontrastreiche und farbige Gestaltung und die wie bei Kremayr & Scheriau immer hochwertige Buchausgabe.
Der Roman ist der Debütroman der Wahlhamburger Schriftstellerin Lisa Wölfl. Für ihren ersten Roman hat sie eine Ich-Erzählerin gewählt, die sonst nicht besonders viel Aufmerksamkeit bekommt. Das liegt zum einen an ihrem Alter, denn Frauen um die fünfzig bekommen in der Öffentlichkeit, in Filmen und auch in Romanen nur noch wenig Screentime. Zum anderen liegt es an ihren Lebensbedingungen, die zwar prekär, aber noch innerhalb einer gesellschaftlichen Teilhabe sind. Obwohl Sonja neben der Kindererziehung und dem Haushalt im Einzelhandel arbeitet und ihr Mann oft Doppelschichten schiebt, ist das Geld immer knapp.
Ein anstrengendes Leben immer am Limit, dennoch möchte Sonja mit niemanden tauschen, denn sie liebt ihren Mann und ihre Kinder. Oder? Manchmal wünscht sie sich ein ganz anderes Leben. Zum Beispiel das ihrer kinderlosen Schwester Gabi, die einen reichen Mann geheiratet hat und keine Geldsorgen hat. Sonja fühlt sich abgearbeitet und ausgelaugt.
„Mein Körper ist ein verlassenes Haus und ich könnte die Wände bemalen, die Löcher stopfen, aber was bringt das, wenn die Struktur fault?“
Die Lebenssituation der Erzählerin verschlechtert sich immens, als sie ihren Job verliert und bei ihrem jüngeren Sohn Sebastian Diabetes Typ 1 festgestellt wird. Sonja muss seinen Gesundheitszustand und seinen Insulinspiegel jetzt konsequent überwachen und fühlt sich durch diese zusätzliche Verantwortung sehr belastet.
Der Körper ist „Ein verlassenes Haus“
Als ihr eine Freundin aus der Vergangenheit eine unkomplizierte, aber moralisch fragwürdige Möglichkeit vorschlägt, von zu Hause aus und nebenbei Geld zu verdienen, zögert Sonja nur kurz. Doch diese Nebentätigkeit stößt bei der Erzählerin Entwicklungen an, die die ganze Familie beeinflussen wird.
Mir hat das Thema in der Kurzbeschreibung sofort angesprochen. Der zusätzliche Betreuungs- und Pflegeaufwand, den eine Diabetes- (oder eine andere) Erkrankung eines Kindes bedeutet, wird meistens von Frauen aufgefangen, und gesellschaftlich kaum gesehen, geschweige denn honoriert.
Ich finde, Lisa Wölfl hat mit ihrer Erzählerin Sonja gut die Erschöpfung und Überforderung eingefangen, die entsteht, weil sie seit Jahren immense Kraft aufwenden muss, um die Familie unter prekären Bedingungen zusammenzuhalten.
„Ich liebe ihn wie mich selbst: vielleicht zu wenig, um das alles auf die Dauer auszuhalten.“
Ich habe den Roman sehr gerne gelesen, fand aber die Psychologie der Figuren nicht immer nachvollziehbar ausgearbeitet. Gerade Sonjas Beziehung zu ihrem Mann fühlte sich für mich nicht immer stimmig an. Das verursachte bei mir beim Lesen so ein bisschen Dissonanz, die mich aber nicht sehr gestört hat.
Sehr schön fand ich auch die Spannung, die Wölfl gegen Ende des Romans aufkommen lässt, die in einem, wie ich fand, gelungenen Schluss endet.
Vielen lieben Dank an den österreichischen Indieverlag Kremayr & Scheriau und Buch Contact für das wunderschöne Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Lisa Wölfl für ihren Roman!





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