Fuckgirl hat eigentlich alles, was sich eine junge, moderne und feministische Frau nur wünschen kann (und sollte?):
Einen super coolen und kreativen Job und einen einfühlsamen Mann (ist verheiratet sein immer noch das Top Goal?), der die komplette Care Arbeit zu Hause übernimmt.
Und nicht nur das, der Mann übernimmt nicht nur die ganze physical and mental load des Haushalts, er ist auch besorgt, dass Fuckgirl sexuell nicht ausreichend befriedigt wird, weswegen er einer offenen Ehe zugestimmt hat. Nur für Fuckgirl offen wohlgemerkt. Und so kann sich die Ich-Erzählerin noch ausgiebig mit wechselnden Sexpartnern amüsieren.
Denn ihr Mann ist zwar super praktisch und gemütlich wenn frau von der Arbeit nach Hause, aber so richtig hot läuft es im Bett nicht so wirklich.
Jankovska beschreibt mit Fuckgirls Beziehungs- und Lebensmodel ein Verhalten, das von der Gesellschaft eigentlich eher Männern zugeschrieben wird und in umgekehrter Rollenverteilung der Geschlechter nicht als ungewöhnlich gelten würde. So aber scheint es als provokant und progressiv zu gelten.
Nur merkt die Ich-Erzählerin, dass die casual Sex Dates, die erfreulicherweise recht explizit beschrieben werden, auch auf die Dauer irgendwie anstrengend und kompliziert sind. Schließlich trifft sie sich mit Männern. Der eine ist dann doch verheiratet und hat eine Frau mit Neugeborenem zu Hause sitzen, das andere Sex-Interest steht auf Kinks, die Erzählerin nicht so ganz teilt.
Mehr Frust als Lust? Also was dann?
Jankovska lässt ihre Erzählerin anfangs als selbstbewusste Frau auftreten, die in jedem Lebensbereich genau weiß, was sie will. Sie will auch anderen Frauen helfen, ihnen die Augen über die Männer öffnen und sie aus ihren spießigen und monogamen Beziehungen zu befreien. Damit sie sie ein cooles und freies Leben führen können, so wie Fuckgirl.
Fuckgirl, oder wer ist hier wirklich abgefuckt?
Aber ist das wirklich so? Im Laufe des Romans kommen der Erzählerin immer mehr Zweifel, ob ihr Lebensmodel wirklich so erstrebenswert ist.
Ich dachte mir öfters, während ich den Roman las, dass ich feministisch schon ganz schön abgefuckt bin (um im Sprachgebrauch zu bleiben), weil ich mir irgendwie mehr erhofft hatte, als die triviale Erkenntnisse, die sich meiner Lesart nach allmählich in Fuckgirls Gehirn herauskristallisieren. Wahrscheinlich hatte der Begriff „female revenge“ eine ungerechtfertigte Erwartungshaltung in mir geweckt. Ich dachte sofort an Eliza Clarks „Boy Parts“, in der Female revenge extrem drastische und wesentlich radikalere Ausmaße annimmt.
Ich fand Jankovskas Debütroman besonders in den Passagen stark, die mich mehr an feministische Essays erinnert haben und gar nicht unbedingt mit der fiktiven Romanhandlung zu tun hatten.
“Frauen zu mögen scheint viele Männer eine große Überwindung zu kosten. Es fällt ihnen schwer, Bücher von Frauen zu lesen, Podcasts von Frauen zu hören oder Serien zu konsumieren, die von Frauen geschrieben wurden. Es ist ihnen unangenehm, sich mit den Memoiren einer Frau in die U-Bahn zu setzen, wo kämen wir da hin, wenn sich Männer uneigennützig mit den Büchern von Frauen auseinandersetzen würden, mit ihrem Innenleben, ihren Bedürfnissen, ihren Meinungen.”
Um es kurz zu machen, der Plot und Figurenentwicklung von Fuckgirl konnte mich nicht überzeugen, die feministischen Ideen und Gedanken dahinter umso mehr. Außerdem freue ich mich immer, wenn Frauenfiguren in Romanen nicht so handeln wie ich mir es wünschen würde, sondern sich eine gewisse Unberechenbarkeit und Ambivalenz bewahren.
Oder um die Autorin selbst zu zitieren:
“Gerade jetzt, wo uns ein zunehmend rechtes Regime konservative Ideale aufbürdet, ist es umso wichtiger, progressive Romane mit unkonventionellen Protagonistinnen zu publizieren und zu vertreiben.”
Ein großes Dankeschön an den österreichischen Haymon Verlag für das Rezensionsexemplar mit dem coolen Cover! Danke und viel Erfolg an Bianca Jankovska für ihren Roman und ihre weitere Arbeit!





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