Den Roman „Glaszeit“ wollte ich lesen, seit ich ihn in der Ankündigung von Luchterhand entdeckt hatte. Ich bin immer auf der Suche nach neuen, spannenden Debüts und schon die Kurzbeschreibung hörte sich unglaublich vielversprechend an.
Leh-Wei Liaos Erzählerin heißt Novana und arbeitet als junge Ärztin auf einer Intensivstation für Neugeborene in Taipei, Taiwan. Aufgewachsen ist sie allerdings in Deutschland unter ungewöhnlichen Umständen: Ihre Mutter hat sie als Kind einfach verlassen und allein zurückgelassen und sie wurde in der Familie ihres Schulfreundes Theo aufgenommen. Weil Novana zu diesem Zeitpunkt kein ganz kleines Kind mehr war und es keine Informationen dazu gab, ob und wann ihre Mutter zurückkommen würde, verbrachte die Erzählerin die verbleibenden Jahre in einem komischen Zwischenzustand zwischen Familienmitglied und Dauergast in Theos Familie.
Die Situation verkomplizierte sich, als sie und Theo später ein Paar wurden, sich die Liebesbeziehung aber nicht als dauerhaft erwies.
Die erwachsene Erzählerin erlebt auch während ihrer Arbeit mit Neu- und Frühgeborenen wie unterschiedlich Elternschaft aussehen kann, und dass Fürsorge und Liebe nicht bei allen Elternteilen als grundsätzlich gegeben angesehen werden kann. Dass ihre eigene Mutter sie ohne Erklärung und ohne spätere Kontaktversuche einfach verlassen hat, schmerzt sie bis heute und ist eine große unversorgte Wunde in ihrem Herzen.
Und plötzlich taucht sie wieder in Novanas Leben auf und zwar in Form einer überlebensgroßen Werbeanzeige, die für die neue Kunstausstellung von M. wirbt, wie sie sich jetzt nennt. In M.s neuen Arbeiten, die zutiefst feministisch sind, geht es um ihre kürzliche Gebärmutterentfernung und die Befreiung vom Mutterideal.
zerbrechliche Glaszeit
Mir gefällt es, dass Leh-Wei Liao diese Widersprüche, die Wut und die Verletzungen eines verlassenes Kindes auf der einen Seite und die Verweigerung einer Mutter der wenig geschätzten und unbezahlten Aufgaben der Elternschaft auf der anderen, hauptsächlich unkommentiert gegenüberstellt. Ihre Erzählweise ist unaufgeregt, klar und ruhig ohne jegliche Ereiferungspolemik und lässt mir so genügend Spielraum für meine eigenen Gedanken. Es gibt mittlerweile zum Glück viele Romane, die die dunklen Seiten von Mutterschaft beleuchten und auf die strukturellen Probleme unserer Rollenbilder und die daraus folgende Arbeitsteilung hinweisen.
Leh-Wei Liao nimmt ganz die Perspektive einer Tochter ein, ohne jedoch die Sichtweise ihrer Mutter, die sie über die Beschreibungen ihrer Arbeiten einfließen lässt, zu vernachlässigen. Ich würde sagen, dass das übergeordnete Thema ihres Romans der uns allen innewohnende Wunsch nach Zugehörigkeit und (Wahl-) Familie ist, den schon die ganz Kleinsten zum Überleben brauchen und wir Erwachsene oft für ein glückliches und gesundes Leben.
Daneben erzählt der Roman eine zarte queere Liebesgeschichte und geht auf die politische Bedrohungslage Taiwans ein, was ich als den Roman bereichernd empfinde.
Am Schluss des Romans bin ich wegen der eigentlich eher ruhigen Erzählweise überrascht, wie emotional bewegt und aufgewühlt ich das Buch beende. Ich freue mich sehr, dass der Roman auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis gewählt wurde und ich drücke die Daumen für mehr.
Vielen lieben Dank Luchterhand Literatur für das gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Leh-Wei Liao für ihren Roman!





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