„Mittsommertage“ ist mein erster Roman des Schriftstellers Ulrich Woelk, obwohl der schon einiges veröffentlicht hat, wie meine kleine Recherche gezeigt hat.
Auch die Kurzbeschreibung seines neuesten Romans klang jetzt nicht sooo aufregend und interessant, wie ich meine Lektüren eigentlich bevorzuge.
„Die Geschichte einer Frau, die sich neu erfinden muss“. Äh, naja, habe ich ja noch nie gelesen, dachte ich.
Und ja, die Geschichte von Ruth Lember, der Protagonistin von Woelks Roman, ist auf den ersten Blick betrachtet vielleicht auch nicht wirklich ganz so aufregend. Aber der täuscht ja manchmal bekanntlich.
Die Professorin Mitte 50, die kurz vor der Berufung in den Deutschen Ethikrat steht, wird auf ihrer Joggingrunde von einem Hund gebissen. Der Biss ist eigentlich harmlos, doch in der Woche danach, die die Erzählspanne des Romans bildet, gerät Ruths sehr geordnetes Leben völlig aus den Fugen.
Sie wähnt sich von einem Mann gestalkt, der sich später als Freund aus der Vergangenheit erweist. Dieser Freund kommt mit Erinnerungen und Beweisstücken aus einer Zeit, an die Ruth heute lieber nicht mehr so oft denkt.
Die Ethikprofessorin war als junge Frau in den 80ern aktivistisch tätig und das nicht immer mit legalen Mitteln
Außerdem gerät ihre Ehe, die schon länger nicht mehr ganz taufrisch ist, in eine große Schieflage, weil Ruth vermutet, dass ihr Mann eine Affäre hat.
“Mittsommertage“ – auch im Winter ein heißer Tipp
Eine ganze Reihe von irritierender Ereignisse bringt Ruth dazu, nicht nur ihre Lebensentscheidungen infrage zu stellen, sondern auch ihr gesamtes Wertesystem.
Was mich besonders an dem Roman fasziniert hat, ist das super gediegene Milieu, in dem er spielt. Während es bei jungen zeitgenössischen Romanen en vogue ist, möglichst abgefuckte und prekäre Gesellschaftsschichten zu porträtieren, um unsere Klassengesellschaft zu kritisieren, platziert Woelk seine Figuren ganz ungeniert in ein intellektuellen und finanziell elitären Umfeld. Man ist Professorin, hat auf jeden Fall geerbt, ist erfolgreicher Architekt, und die Entscheidung, ob man einen SUV fährt oder ein Elektroauto ist allein eine Frage der Moral.
Auch die Konflikte und Streits, die es durchaus zahlreich gibt, verlaufen zivilisiert, rational gesteuert und vernünftig argumentiert. Ich bin von dieser Art der Kommunikation, die ich leider nicht beherrsche, sehr fasziniert.
Mir gefallen auch die gesellschaftlichen und moralischen Fragen, die Woelk in seinem Roman thematisiert und sie sehr gut in den Plot integriert. Seine Figur Ruth finde ich psychologisch nachvollziehbar ausgearbeitet, wenn auch vielleicht nicht ganz in der Tiefe, wie ich es schon in anderen „Eine-Frau-muss-sich-neu erfinden“-Romanen gelesen habe.
Ich fand „Mittsommertage“ ist ein tolles Bild der Gesellschaft zur Zeit der Klimakleber*innen und der letzten Ausläufern der Coronakrise. Und dann doch auch irgendwie ein unspektakulär spannender Roman!
Ich möchte jetzt auch unbedingt die Fortsetzung von Ruths Geschichte lesen, die dieses Jahr mit Woelks Roman „Hellere Tage“ erscheinen wird!
„Mittsommertage“ erschien 2023 bei C.H. Beck Literatur.





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