Letztes Jahr hatte mir der Debütroman „Hundswut“ von Daniel Alvarenga ziemlich gut gefallen. Vor allem der dramatische Schluss und die historische Kontextuierung haben sich bei mir eingeprägt. Alvarenga ließ seinen ersten Roman in der tiefsten bayrische Provinz im Jahr 1932 spielen, entschied sich jetzt aber bei seinem zweiten Roman „Ruf der Leere“ für ein zeitgenössisches Setting.
Für mich war „Ruf der Leere“ ein solider Psychothriller von der Art, wie ich sie früher gerne zur Unterhaltung gelesen habe, die sich heute aber nur noch selten auf meiner Leseliste finden. Alvarengas zweiter Roman hatte meiner Meinung nach lange nicht den psychologischen Tiefgang und die historische Relevanz, die mir in „Hundswut“ so gut gefallen hatten.
Dabei verspricht der Klappentext ebenfalls ein interessantes moralisches Dilemma. Sechs Freund*innen verbringen aus unterschiedlichster Motivation heraus ein Wochenende in einer abgelegenen Waldhütte. Felix, stereotyper kann man sich den narzisstischen Sohn eines reichen Vaters kaum ausdenken, hat die jungen Erwachsenen eingeladen.
Jeder erfüllt seine Rolle
Im Laufe des Abends taucht ein alter Mann in der Hütte auf und behauptet, er sei der Tod und die Gruppe müsse bis Mitternacht eine Person auswählen, die es verdient weiterzuleben, während alle anderen sterben.
Leider wird diese Forderung erst auf den letzten Seiten erst wieder so richtig relevant und bringt Dynamik in den Plot. Den größten Teil des Romans nehmen die Rückblenden auf das dem Abend vorausgegehende Geschehen ein.
Und das besteht halt leider aus stereotypen Liebes-/Sex- und Intrigen- Irrungen und Wirrungen im Stil von „Eiskalte Engel“ und konnte mich nur schwer bei der Stange halten.
Alvarenga greift einige gesellschaftskritische Themen wie Regretting Motherhood, Alkoholsucht und spätes Outing auf, lässt sie aber derart oberflächlich einfließen, dass mich das schon fast ärgert.
Der Titel „Ruf der Leere” bezieht sich auf ein psychologisches Phänomen, das den plötzlichen Drang oder die Eingebung beschreibt, eine lebensbedrohliche Handlung zu begehen, ohne tatsächliche Absicht. Vermutlich haben wir alle schon mal den Ruf der Leere vernommen, wie z.b. beim Autofahren das Fahrzeug plötzlich in den Gegenverkehr zu steuern oder auf Instagram eine zutiefst private Seelenentblößung zu posten. Schade, dass in dem Roman nicht noch mehr Bezug darauf genommen wird.
Dafür überrascht Alvarenga mit einem fulminanten und aufregendem Schluss inklusive eines kleinen Plottwists.
“Der Ruf der Leere” hat meine hohen Erwartungen nach “Hundswut” nicht erfüllt, dennoch bin ich gespannt in welche Richtung sich Daniel Alvarenga als vielversprechender Schriftsteller entwickeln wird.
Vielen lieben Dank für das Rezensionsexemplar an Harper Collins. Danke und viel Erfolg für Daniel Alvarenga für seinen Roman!




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