Ich lese den neuen Roman von Birgit Birnbacher „Sie wollen uns erzählen“ direkt im Anschluss nach „Pina fällt aus“ von Vera Zischke und beide Romane könnten eigentlich unterschiedlicher nicht sein. Und doch gibt es eine große Gemeinsamkeit: Beide Romane fragen „Was ist schon normal“ und sind eine Huldigung an die Kraft der Gemeinschaft und der (Wahl-) Familie.
Bei Birgit Birnbacher sind es gleich drei Generationen in einer Familie, die „nicht ganz normal“ sind. Bei der Großmutter und der Mutter gab es, anders als jetzt beim jungen Ozzy, der ADHS hat, noch keine Diagnosen, aber auch die beiden Frauen zeigen eindeutig Anzeichen von Neurodiversität.
“Was waren diese Mädchen wild. Immer so viel wilder als alle anderen. Könnt ihr nicht stillsitzen, wie die Buben in der Kirche? Immer müssen sie lauter, aufgeweckter sein als andere, immer verspüren sie zu allem mehr Drang.”
Der Roman beginnt gleich ziemlich rasant und aufregend und gibt auch das Tempo für die restliche Geschichte vor.
Ozzy und seine Feund*innen lassen in der Pause im Schulgarten das Schulkaninchen unerlaubt und unbeaufsichtigt springen und es gerät unter den Rasenmäher des Hausmeisters. Und das ist noch nicht alles…
Das ist der Beginn einer Kette von Ereignissen, die Ozzys Mutter und seine an Krebs erkrankte Oma und ihren …Nachbarn umfassen und mit den schnellen Ortswechseln und der damit verbundenen Aufregung an eine Road Story erinnern.
Im Mittelpunkt der Ereignisse steht die Beziehung zwischen Ozzy und seiner Mutter, aber auch deren Beziehung wiederum zu ihrer Mutter finden Platz.
Ozzy sowie seine Mutter haben beide die gleiche ungewöhnliche und nicht stringente Art zu denken und ecken damit in ihrem Umfeld an.
Sie wollen uns erzählen – viel Tempo, viel Humor
Birnbacher erzählt die Geschichte, die teilweise fast absurde Szenen beinhaltet wie beispielsweise eine Großmutter, die ihrer Vagina ein Sonnenbad gönnt, humorvoll und mit großem Pragmatismus ihrer Figuren.
Ich muss sagen, dass der Speed des Erzähltempos und die Aneinanderreihung von Action nicht so ganz mein Fall war. Birnbachers letzter Roman „Wovon wir leben“ hatte zwar ebenfalls, soweit ich das erinnere, eine gewisse Situationskomik, kam mir aber viel gesellschaftskritischer vor. In „Sie wollen uns erzählen“ ist natürlich ebenfalls Gesellschaftskritik an dem unglaublich engen und menschenfeindlichen Konzept der Normalität enthalten, doch geht die meiner Meinung nach im Getösen von Murenabgängen und Missverständnissen ein wenig unter.
Unzweifelhaft ist allerdings Birnbachers große Fähigkeit eine Geschichte spannend und literarisch ansprechend zu erzählen.
Also wenn du Lust auf einen humorvollen und energiegeladenen Roman über die Tücken und Chancen von Neurodivergenz hast, ist „Sie wollen uns erzählen“ vielleicht ein Tipp für dich.
Vielen lieben Dank an den Zsolnay Verlag für das Rezensionsexemplar mit dem wunderschönen Cover. Danke und viel Erfolg an Birgit Birnbacher für ihren neuen Roman!





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