Puh ja, zum Glück bin ich nicht verheiratet und verdiene als Bauingenieurin mein eigenes schmales Gehalt, habe ich mir nach dem Lesen von Belle Burdens Memoir „Fremde“ gedacht. Und gleichzeitig frage ich mich, in wie vielen Ehen und Beziehungen es heute so aussieht wie es Belle Burden schildert.
Ironischerweise war es auch die amerikanische Serie „Sex and the City”, die ich sehr mochte, die mich unter anderem für die Wichtigkeit weiblicher finanzieller Unabhängigkeit und Selbständigkeit sensibilisiert hatte.
Belle Burden ist auf den Moment, in dem ihr Ehemann, mit dem sie ihrer Meinung nach eine glückliche Ehe führt, verkündet, dass er sie verlassen wird, in keinster Weise vorbereitet. Es gab keinerlei Anzeichen dafür, doch ihr Mann hat eine Affäre, will mit der anderen, jüngeren Frau zusammenleben und will jetzt die Scheidung.
Die Erzählerin ist völlig überrumpelt und die Demütigung des Verlassenwerdens und der Verrat schmerzen sie tief. Noch dazu muss sie nach 20 Jahren Beziehung mit drei Kindern durch eine Pandemie und steht allein vor völlig neuen Herausforderungen. Jack hat keinerlei Interesse mehr an seinen Kindern und überlässt ihr das alleinige Sorgerecht.
Burden erzählt in Rückblicken von den Anfängen der Liebesgeschichte zwischen ihr und ihrem späteren Ehemann. Was als große Liebe begann, führt zur Hochzeit, Kinder und einer glücklichen Familie, der es finanziell an nichts mangelt.
Als die Kinder zur Welt kommen, arbeitet Burden, die auf eine Karriere als Juristin blicken kann, nur noch ehrenamtlich, um für ihre Familie da zu sein und ihren Kindern die Geborgenheit zu bieten, die sie als Kind vermisst hatte. Jack hingegen arbeitet immer mehr und macht in seiner Kanzlei eine beachtliche Karriere auf.
Viele Jahre scheint alles perfekt, lange Sommerurlaube auf Martha’s Vineyard, Privatschulen für die Kids und der Platz in der Elite der New Yorker High Society sind fester Bestandteil ihres Lebens.
Seit Jahren verheiratet und plötzlich „Fremde“?
Umso mehr schmerzt die Erkenntnis, dass diese Jahre für Jack scheinbar keine Bedeutung mehr zu haben scheinen und er sich seines alten Lebens und seiner Familie entledigt wie einen abgetragenen Mantel.
Und es kommt noch schlimmer. Burden hat finanziell keine guten Entscheidungen getroffen und einen für sie ungünstigen Ehevertrag unterzeichnet. Aus Liebe, wie sie glaubte. Das rächt sich jetzt bitter, denn Jack will sie bluten sehen und spielt seine Macht voll aus. Für Burden ein entsetzliches Gefühl des Verrats und der Machtlosigkeit, aus dem sie sich nur langsam und mühsam wieder befreien kann.
Ich muss sagen, dass Memoir liest sich wie ein spannender Pageturner. Obwohl ich wirklich entsetzt bin über Burdens Blauäugigkeit und Realitätsverweigerung, kann ich sie doch nachvollziehen, denn denken nicht alle Liebespaare, sie wären die besondere Ausnahme?
Mir gefiel der Text auch deshalb gut, weil er mir Einblicke in ein Milieu der amerikanischen Upper Class gibt, das der in Sex and the City nicht unähnlich ist. Wenn du die Serie ebenfalls mochtest und/oder einfach über das schmerzhaft und desillusionierende Ende einer Ehe lesen willst, empfehle ich dir unbedingt dieses Buch.
Auch als Hörbuch, wirklich super passend und einfühlsam von der Schauspielerin und Sprecherin Katrin Fröhlich gelesen, sehr empfehlenswert!
Vielen lieben Dank an Luchterhand Literatur für das gewünschte Rezensionsexemplar und das digitale Hörexemplar. Danke und viel Erfolg für Belle Burden für ihr Buch!
Aus dem Amerikanischen von Charlotte Breuer





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