“Irgendwie dachte ich, mein Vater wäre unsterblich.”
Ich dachte das auch, bis mein Vater aufgrund seiner Herzprobleme einen Bypass brauchte und es ihm wirklich sehr schlecht ging. Vor und nach der Operation wirkte er extrem zerbrechlich, dünn und sehr angeschlagen. Für mich eine ganz neue Perspektive und Erfahrung. Allerdings war ich zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich lange ein erwachsener Mensch und selbst ein Elternteil. Wie ist diese Erfahrung, dass ein Elternteil sehr krank ist und möglicherweise bald stirbt, für einen ganz jungen Menschen? Nefeli Kavouras zeigt das ganz wunderbar und sensibel in ihrem Debütroman „Gelb, auch ein schöner Gedanke“.
Eine ihrer beiden Ich-Erzählerinnen ist die 16-jährige Lea, deren Vater nach Jahren der Krankheit, das finale Stadium erreicht hat, wie man so euphemistisch sagt. Die andere Ich-Erzählerin ist ihre Mutter Ruth, die ihren Mann Georg schon lange pflegt. Sie hat ihn jetzt zu sich nach Hause geholt, um ihn in der letzten Phase seines Lebens zu begleiten.
Kavouras hat den Roman wirklich toll angelegt, indem sie die beiden Erzählerinnen, Mutter und Tochter, in schnellen und kurzen Perspektivwechsel, durch die Geschichte führen lässt. Dadurch fliege ich förmlich über die Seiten und möchte eigentlich gar nicht aufhören zu lesen.
Mich berühren Leas Berührungsängste mit dem kranken Vater und ihre Angst vor dem baldigen Verlust, der ihr in ihrem Teenagerleben so irreal und nicht greifbar vorkommt. Nicht nur Lea wird von Schuldgefühlen geplagt. Auch Ruth verdrängt ihr schlechtes Gewissen mit übertriebener Hingabe an die Pflege des kranken Ehemannes. Zwischen Mutter und Tochter liegt ein unüberbrückbarer Graben aus Lebensjahren, Erfahrungen und unterschiedlichen Gefühlen. Beiden fehlt jeweils die Zeit oder die Kapazität sich in die andere hineinzuversetzen.
Gelb, auch ein schöner Gedanke
Ungefähr in der Mitte des Romans kommt es zu einem für mich völlig unerwarteten Plot Twist (nennen wir es mal so) und wir betreten das zauberhafte Reich des magischen Realismus. Plötzlich ist alles anders, die Rollen und die Perspektiven vertauschen sich, alle müssen sich mit einer völlig neuen Situation arrangieren.
Kavouras gelingt das große Kunststück diese magische Veränderung absolut glaubhaft und nachvollziehbar in die Geschichte einzubauen und den baldigen Verlust eines geliebten Menschen auf ein andere Ebene zu verschieben.
Das, was mir an Kavouras Roman so gut gefällt ist, dass er sich ganz leicht mit einem furchtbar schweren Thema beschäftigt. Wir alle kommen in unserem Leben mit Trauer, Verlust und Sterblichkeit in Kontakt und wir werden alle sterben. Ich finde in „Gelb, auch ein schöner Gedanke“ ganz viel Trost und Leichtigkeit und ein unglaublich bereicherndes Leseerlebnis!
Vielen lieben Dank an den Kiwi Verlag für das wunderbare und gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Nefeli Kavouras für ihren Roman!
Weitere lesenswerte Besprechungen findest du bei den Bloggis Markus (Textopfer), dem Schweizer Literaturblatt, Stefan von Poesierausch und natürlich überall im Feuilleton.





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