Robert Ley – mein Großvater, der Kriegsverbrecher von Axel Spilcker
Und wieder steht nach Bettina Görings Biografie mit „Hitlers Gefolgsmann“ ein Buch auf meiner Leseliste, das vom Nachkommen eines NS-Paladins geschrieben wurde. Muss das denn sein? Warum will ich sowas überhaupt lesen? Genau das Gleiche fragt sich Axel Spilcker in dem Kapitel, in dem er über seine großen Zweifel und Schwierigkeiten spricht, dieses Buch überhaupt zu schreiben.
„Häufig habe ich mir gesagt: Wer will das heute überhaupt noch wissen?“
Also ja: Ich.
Ich will das alles wissen. Ich will wissen, was es mit einem Menschen macht, der mit diesem Erbe und dem Wissen groß wird, der Nachkomme eines NS-Verbrechers und Mörders zu sein? Es ist auch meine eigene Frage und die Frage von Millionen anderen Deutschen.
Spilckers Großvaters Robert Ley war im NS-Staat Reichsorganisationsleiter sowie Chef der „Deutschen Arbeitsfront“ (DAF) und einer der mächtigsten Männer im „Dritten Reich“. Er kontrollierte das gesamte Arbeitswesen und organisierte über die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF) die staatlich gelenkten Freizeit- und Urlaubsangebote. Nach dem Krieg wurde er als Hauptkriegsverbrecher angeklagt, entging dem Nürnberger Prozess jedoch durch Suizid.
Suizid beging auch Leys zweite Frau Inga Ley und Spilckers Großmutter 1942 mit nur 26 Jahren. Auch auf dieses Ereignis schaut Spilcker näher.
Doch Spilcker erzählt nicht nur den Lebensweg seines Großvaters nach, sondern auch den seiner Familie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.
Hitlers Gefolgsmann – bis in den Tod
Er berichtet von der sowohl von der anhaltenden Verehrung Leys in engsten Familienkreisen, wie von der Weigerung vieler, sich mit den Verbrechen der Nazizeit auseinanderzusetzen.
“Plötzlich will niemand mitgemacht haben, hat nie Heil Hitler gebrüllt und den rechten Arm zum Führergruß erhoben. Alles, was zählt, ist der Wiederaufbau. Ein Leben in Ruhe und Frieden; und nur ja nicht an der Vergangenheit rütteln.”
Mich entsetzt besonders, wie schamlos sich Leys Familie noch viele Jahre nach dem Krieg an dem unrechtmäßigen NS-Erbe Robert Leys zu bereichern versucht, was ihr auch gelingt.
Anders als Bettina Göring in ihrer sehr umfangreichen Biografie hält sich Spilcker mit seiner persönlichen Geschichte sehr zurück. Nur im letzten Teil gibt er kleine, aber bewegende Einblicke in seine eigenen Schwierigkeiten mit der Geschichte seiner Familie. Spilckers Vater, Robert Leys einziger ehelich geborener Sohn und ehemaliger Kronprinz von Leys Erbe, fand letztendlich als Geschädigter der menschenfeindlichen Nazi-Ideologei ein trauriges Ende.
Deswegen nochmal ja, ich will mich weiter mit diesem Erbe beschäftigen, und ich finde Axel Spilcker findet die absolut passenden Worte:
„Als Historiker habe ich mir einen wichtigen Leitsatz eingeprägt: »Aus der Vergangenheit lernen, um die heutige Zeit zu verstehen.« Daher sollten wir nie vergessen, dass die Deutschen unter dem NS-Regime Millionen Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, polnische, russische und politische Gefangene sowie Zwangsarbeiter ermordet haben und im Krieg Millionen Europäer getötet haben. In diesen Zeiten, in denen rechtspopulistische Geschichtsrevisionisten auf dem Vormarsch sind, ist die Erinnerungskultur vielleicht bedeutsamer als jemals zuvor.“
Vielen lieben Dank an den Kiwi Verlag für das sehr gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Axel Spilcker für sein Buch!





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