Als ich die Vorschauen für das Frühjahr 2026 gesichtet habe, ist mir aufgefallen, dass gefühlt jeder zweite Roman, der sich an eine vornehmlich junge, weibliche Zielgruppe richtet, mit dem Hinweise „für Leserinnen von Ruth Maria Thomas“ gekennzeichnet ist. Auch in der Herbstvorschau des Ecco Verlags findet sich neben „Jahre ohne Sprache“ dieser Vermerk.
Ich persönlich finde diese Vergleiche wenig hilfreich bis blöd, da doch jeder Roman als eigenes unvergleichliches Werk angesehen werden sollte, das es sich zu entdecken lohnt. Aber vielleicht hilft es wirklich in der Masse der Neuerscheinungen als grobe Orientierung, die Inhalte thematisch einzuordnen.
Dann ja, thematisch erkenne ich durchaus Ähnlichkeiten zwischen „Die schönste Version“ von Ruth Maria Thomas und „Jahre ohne Sprache“ von Ann Esswein, auch wenn ich die Herangehensweise und den Schreibstil beider Autorinnen ziemlich unterschiedlich finde.
Beide Romane sprechen davon, wie schnell für junge Frauen die Unbeschwertheit der Jugend enden kann, wenn ihre Körper das erste Mal von Männern für die ausschließlich eigene sexuelle Befriedigung rücksichtslos konsumiert werden. Und von der Verstörung und der Scham, die danach bleiben.
Ann Esswein hat dafür in „Jahre ohne Sprache“ einen fragmentarischen Erzählstil gefunden, der gut zu den fragmentierten Erinnerungen ihrer Erzählerin passt.
Natascha, die Ich-Erzählerin, wächst in einem typischen, kleinen Ort in der Provinz auf.
Als Erwachsene hat sie das Dorf längst verlassen und sich einer Art alternativen Kollektiv angeschlossen, das sich in einer alten und leerstehenden Knopffabrik angesiedelt hat. Aus Natascha wird dort Nao. Doch immer wieder hat sie Flashbacks an »Ein Ereignis ohne Titel«, das sie in ihrem letzten Sommer in ihrem Heimatdorf erlebt hat.
Jahre ohne Sprache
Esswein beschreibt den langen Prozess ihrer Erzählerin, bis sie diese Zeit, auch mit Hilfe anderer, einordnen kann. Die Einordnung ist aber nur der erste kleine Schritt. Wie kann sie eine Sprache dafür finden und das Erlebte verarbeiten?
“Ich wünschte, mein Ich wäre eine Insel, auf der auch ab und zu die Vögel zwitschern, auf der eine milde Brise weht und es hell ist. Aber mein Ich in diesen Tagen ist so düster wie das Erdinnere.”
Auch in dem Roman von Ann Esswein schmerzt mich diese Konfrontation mit einer Jugend und einem Umfeld, das mir und wahrscheinlich vielen anderen Frauen* viel zu vertraut und zu bekannt vorkommt, als ich es gerne hätte. Umso mehr freut mich die Tatsache, dass Esswein eine Autorin ist, die ebenfalls mit der nostalgischen Verklärung der Jugendzeit bricht und einen Ausdruck dafür findet, was viel zu oft verschwiegen und verdrängt wird.
Mir persönlich hat dieser Aspekt des Romans sehr, sehr gut gefallen, und ich fand es super gelungen, wie Esswein allmählich in die Vergangenheit und die Erinnerungen ihrer Erzählerin vordringt. Weniger gut und stimmig fand ich die Beschreibung der Wahlfamilie in der Knopffabrik. Dieses Setting und die Figuren schrien mir zu offenkundig „Schreibwerkstatt made me do it“, aber das liegt vielleicht einfach an meinem zynischen Mindset.
Ich denke, ich möchte mir jetzt gerne noch den Debütroman „Mimikry“ der mehrfach ausgezeichneten Journalistin näher anschauen!
Vielen lieben Dank an den Ecco Verlag und Harper Collins für das gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Ann Esswein für ihren neuen Roman!




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