Alex Schulman ist einer der Autoren, von denen ich alle Bücher gelesen habe und mir jeden neuen Roman sofort besorgen muss. Du könntest also sagen, ich bin ein Fan.
Ich liebe seine intimen und sensiblen Familienporträts, die mich oft bis tief ins Herz treffen. Die meist von großer Dysfunktionalität geprägten Eltern-Kind-Konstellationen, die er beschreibt, zeigen eine große Verletzlichkeit seiner Figuren, die mich berühren. Gleichzeitig konstruiert Schulman seine Romane so gekonnt, dass sie unglaublich spannend sind, und oft erst allmählich Abgründe und Entsetzen aus Vergangenheit und Gegenwart enthüllen
So auch in seinem neuesten Roman „Jetzt beginnt das Leben“. Vidar, der Ich-Erzähler Mitte 40, hat Issues. Er wurde von seinem Beruf als Lehrer vorübergehend suspendiert, weil er angeblich einen Schüler angegriffen hat. Vidar selbst hat den Vorfall in der Schule anders in Erinnerung, schließlich wollte er nur einen Streit schlichten und Schlimmeres verhindern, und ist überzeugt, dass sich alles bald klären lässt.
Außerdem hat er gerade festgestellt, dass die alte Nummer des Ferienhauses am See seiner Kindheit noch funktioniert und er dort seinen Vater anrufen kann.
Sein Vater ist aber eigentlich schon länger tot und das Ferienhaus gibt es nicht mehr. Der Erzähler findet schnell heraus, dass er mit dieser alten Nummer immer am gleichen Tag in der Vergangenheit landet und dort mit seinen Eltern, mit seiner Schwester und sogar mit sich selbst in der Kinderversion sprechen kann.
Vidar tastet sich mit seinen Anrufen immer weiter in seine Vergangenheit vor und stellt bestürzt fest, dass genau an diesem Tag etwas so Entsetzliches vorgefallen sein muss, dass es aus seinem Gedächtnis getilgt wurde.
Jetzt beginnt das Leben – oder: wann geht es endlich los?
Kein Wunder, dass mich dieser Roman von Schulman sofort in seinen Bann gezogen hat. Ich liebe alles, was auch nur annähernd mit Zeitreisen zu tun hat, solange es literarische Form hat. Und wenn es darum geht, einem Rätsel auf den Grund zu gehen. Schulmans Erzähler versucht gleich zwei Rätsel zu lösen: Er versucht zu verstehen, was bei dem Vorfall in der Schule wirklich passiert ist und warum ihm auch hier scheinbar Erinnerungen fehlen. Gleichzeitig will er unbedingt herausfinden, was sein jüngeres Ich an jenem Tag im Sommerhaus erlebt hat und warum er sich auch hier nicht mehr erinnern kann.
Wie immer ist Schulman ein Meister der einfühlsamen Ergründung der menschlichen Psyche und auch in „Jetzt beginnt das Leben“ wird die Verzweiflung seines Erzählers greifbar. Und auch in seinem neuen Roman lebt die Geschichte des jungen und alten Vidars von der komplizierten Beziehung zu seinen Eltern, die von Zärtlichkeit, Verletzungen und Trauma geprägt ist. Auch der Alkoholkonsum der Mutter spielt wieder eine Rolle, ein Motiv, das ich aus anderen Romanen Schulmans kenne.
Ich muss sagen, ich liebe besonders die Hörbuchausgaben der Roman, wobei die großartige Stimme und Vortragsweise des Schauspielers und Sprechers Fabian Busch, der bis jetzt alle Bücher Schulmans eingesprochen hat, eine maßgebliche Rolle spielt.
Wenn du noch nichts von Alex Schulman gelesen hast, empfehle ich „Jetzt beginnt das Leben“ als optimalen Einstieg, da es als fiktiver Roman komplett unabhängig von seinen autofiktionalen Büchern gelesen oder gehört werden kann.
Ungekürzte Lesung mit Fabian Busch. Ein großes Dankeschön an Der Audio Verlag für das digitale Hörexemplar und die Bereitstellung via NetGalley. Danke und viel Erfolg an Alex Schulman für seinen neuen Roman!
Das Hardcover erschien jetzt beim dtv Verlag.
Aus dem Schwedischen von Hanna Granz.




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