Ich war von dem Debütroman „Verzweiflungstaten“ der irischen Schriftstellerin Megan Nolan von 2021 sehr positiv überrascht. Er hat aber leider in meiner Wahrnehmung recht wenig Aufmerksamkeit erregt und flog so ein bißchen unter dem Radar. Ich hoffe doch sehr, dass es Nolans zweitem ins Deutsche übersetzten Roman „Kleine Schwächen“ anders ergehen wird. Denn das Megan Nolan ein “huge literary talent” ist, findet nicht nur Karl Ove Knausgaard, sondern auch ich.
Ihren zweiten Roman, der im Original bereits 2023 erschien, siedelt Nolan in London Anfang der 90er Jahre an. Es ist die heiße Zeit der britischen Yellowpress und der Abhörskandal von Charles und Camilla, der als Tampongate die Geschichte einging, liegt erst kurz zurück. Sogannannte Journalist*innen und Paparazzi greifen zu immer fragwürdigeren Mitteln, um den nächsten Scoop zu landen.
Einer davon ist der junge Tom Hargraves, der ebenfalls gerne die moralischen Grenzen überschreitet.
Als er davon hört, dass ein dreijähriges Kleinkind verschwunden ist, wittert er die nächste heiße Story. Die Geschichte bekommt für ihn noch einen zusätzlichen Reiz, denn das Kind wurde scheinbar von der 10-jährigen Lucy aus der Nachbarschaft getötet.
Lucy stammt aus einer irischen Familie, die erst vor ein paar Jahren aus Irland nach London gezogen ist. Ihre alleinerzihende, junge Mutter Carmel kümmert sich laut Aussagen aus der Nachbarschaft recht wenig um das Kind. Und auch sonst begegnet man der irischen Familie, zu der auch Carmels alkoholkranker Bruder Richie und ihr erwerbsunfähiger Vater John gehören, mit unverhohlener Feindseligkeit.
„Lucy war ein winziger, tollwütiger Dämon. Nein, falsch, sie war bloß ein armes kleines Mädchen.“
Im Laufe des Romans erfahre ich in Rückblicken mehr über die Geschichten der einzelnen Figuren. Nolan konzentriert sich dabei hauptsächlich auf Carmel und Richie, ich erfahre aber auch einiges über ihre Eltern und natürlich auch über den Paparazzo Tom.
Wer hat keine „Kleine Schwächen“?
Die Psychogramme finde ich sehr gelungen und ich hier hätte ich oft gerne noch mehr über die Weiterentwicklung der Figuren gelesen. Neben dem recht umfangreichen Figurenkatalog greift Nolan mehrere gesellschaftliche Themen auf, wie die medialen Heztjagden der 90er, Alkoholismus, die Ausgrenzung von irischen Einwanderen, Sexismus und Frauenhass, Grooming und eine Teenagerschwangerschaft. Das klingt nach viel für einen schmalen Roman und das ist es auch. Leider wirkt Nolans Roman dadurch auf mich personell und inhaltlich etwas überfrachtet, fügt sich aber letztendlich zu einem stimmigen Gesellschafts- und Familienporträt zu zusammen.
Nolan gelingt es am Ende, nach meiner Lesart, noch einen emotionalen Kernaspekt herauszuarbeiten.
„Kleine Schwächen“ ist ein super lesenswerter Roman über Fehler, die so schwerwiegend sind, dass es keine Wiedergutmachung gibt kann aber alleine der Versuch eine Lebensaufgabe sein muss.
Ich hoffe sehr auf weitere (übersetzte) Romane dieser großartigen Schriftstellerin!
Aus dem Englischen von Stefanie Ochel
Vielen lieben Dank an den unabhängigen und nachhaltigen Kjona Verlag und an Kirchner Kommunikation für das schöne Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Megan Nolan für ihren neuen Roman!





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