Erst dachte ich, „Spielverderberin“ von Marie Menke ist ein typischer Roman über drei junge Frauen, deren Freundschaft mit dem Erwachsenwerden kompliziert wird.
Und in deren Vergangenheit, wie der Klappentext raunend anteasert, ein dunkles Geheimnis schlummert… Aber Marie Menke überrascht und bezaubert mich mit ihrem Debüt: der Roman hat all das und verhandelt noch so viel mehr.
Die drei Freundinnen Lotte, Romy und die Ich-Erzählerin Sophie wachsen in gutbürgerlichen Verhältnissen auf dem Land auf. Doch auch dort sind einige gutbürgerlicher als andere. Sophie ist schon als Jugendliche klar, dass Romy mit ihren reichen Eltern, die aus der Großstadt aufs Land gezogen sind, über ganz andere Zukunftsperspektiven verfügen kann, als sie selbst.
Menke erzählt den Roman auf verschiedenen Zeitebenen, die sie gekonnt überlappen und ineinander greifen lässt. Eine Konstruktion, die mir sehr gut gefällt und die eine ungeheure Spannung erzeugt.
Auf der Jetzt-Erzählebene studiert Sophie mittlerweile Lehramt in Köln und hat einen Freund aus Berlin. Romy ist verschwunden und kann nur noch auf Instagram bei ihren Abenteuern und Reisen beobachtet werden.
Es gibt viele subtile und weniger subtile Andeutungen auf einen Bruch in der Beziehung der drei jungen Frauen. Und warum hat Lotte, mit der die Erzählerin mittlerweile in einer WG wohnt, Schrauben im Kopf? Ein vergangener Unfall oder ein Ereignis, das die Erzählerin merklich belastet, liegt immer zwischen den Zeilen, wird aber erst ganz am Schluss enthüllt.
Auf der Vergangenheitserzählebenen erfahre ich mehr über die Dynamiken in der Freundschaft zwischen Sophie, Lotte und Romy. Während sie zu dritt selten Zeit verbringen, sind die Zweierkonstellationen immer von der jeweils abwesenden Dritten überschattet und geprägt. Lotte ist psychisch labil und muss vor den Abiturprüfungen stationär in eine Klinik.
Die Erzählerin selbst fühlt sich zu Romy hingezogen und schwankt ständig zwischen Bewunderung und Neid, auf das was Romy verkörpert und für sie selbst unerreichbar zu sein scheint. Für Romy scheint, anders als für die Erzählerin, nach dem Abitur die ganze Welt offen zu stehen. Sophie überlegt, ob sie statt eines Studiums nicht doch lieber eine Ausbildung im Ort machen soll und wie ihre Cousine auf ein Einfamilienhäuschen hinarbeiten will. Sicherheit statt Abenteuer?
Wer ist die „Spielverderberin“?
Und zwischen dem erzählten Früher und dem Jetzt steht jene verhängnisvolle Nacht, die alles verändert hat…
Ja, das finde ich ziemlich spannend und gefällt mir sehr, sehr gut. Noch besser gefallen mir aber die gesellschaftlichen Themen, die Menke in ihren Roman verarbeitet. Weil es auch Themen sind, die meinen Lebensweg immer begleitet haben. Immer wieder stößt Menkes Erzählerin Sophie auf die Frage, wie sehr ihr Aufwachsen auf dem Land sie geprägt hat. Und wie sich ihre Erlebnisse von denen eines Stadtmenschen unterscheiden. Besonders deutlich werden diese Unterschiede in Sophies Interaktion mit ihrem Berliner Freund Milan, der die jeweiligen Vorurteile offenlegt. Auch das Thema Klasse spielt unterschwellig immer eine Rolle. Herkunft und Familie prägen Menkes Figuren, obwohl die äußerlich wahrnehmbaren Unterschiede gering sind. Es sind nicht nur die finanziellen Mittel, die für die Vielfalt der Zukunftsperspektiven entscheidend sind, sondern auch die Vorstellungskraft, die einen anderen Lebensweg als den der Eltern und des Umfeldes überhaupt erst in Betracht ziehen lässt.
Ebenfalls besonders gut gelungen finde ich die Innenwelt der Ich-Erzählerin, die zwischen Schuldgefühlen, eigenen Träumen und Zukunftsängsten ihre eigene Identität noch nicht gefunden hat. Was sieht sie in ihren gegensätzlichen Freundinnen Lotte und Romy?
Ich fand „Spielverderberin“ unheimlich spannend und mit genügend Tiefgang erzählt. Und der tolle Aufbau und die Konstruktion machen den ersten Roman von Marie Menke zu einem besonders vielversprechenden Debüt.
Ein großes Dankeschön an den Kiwi Verlag für das signierte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Marie Menke für ihren Roman!





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