Ich fand schon „Die Kriegerin“ von Helene Bukowski gut, ihr neuer Roman allerdings „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ war ein richtiges Highlight für mich.
Bukowski erzählt darin die (teilweise fiktionalisierte) Lebensgeschichte der jungen Pianistin Christina, die sich 1984 in der Wohnung ihrer Eltern aus dem Fenster stürzt und sich so das Leben nimmt. Bukowski erfährt von ihrem Schicksal über die Bekannte ihrer Großmutter, die ihr auch entsprechende Dokumente, Kassetten und Briefe zur Verfügung stellen kann. Ebenfalls als Quelle und Grundlage für den Roman dient ihr eine umfangreiche Chronik, die Christinas Vater nach ihrem Tod aufgezeichnet hatte.
Bukowski besucht die wichtigen Orte und Schauplätze von Christinas kurzem Leben und versucht, die Gedanken und Gefühle der jungen Frau nachzuspüren. Sie erzählt chronologischn von Christinas Kindheit und Jugend, die schon sehr früh vom harten Drill ihres Vaters geprägt war. Christinas Eltern sind selbst Musiker und der Vater möchte seine Tochter zu einer der besten Klavierspielerinnen machen.
Bukowski ahnt hinter dem fügsamen und ruhigen Kind eine tiefe Wut und ein Aufbegehren, das es aber zu unterdrücken lernt.
Später wird Christina auf ein musikalisches Internat geschickt und wird als Jugendliche von der DDR nach Moskau zum Klavierstudium delegiert. Aus dieser Zeit geben hunderte ihrer Briefe an Eltern und Freundinnen Einblick in ihren streng disziplinierten Alltag.
Raum für jungendliche Unbeschwertheit gibt es wenig. Auch beim Klavierspielen bleibt ihr wenig Spielraum für Kreativität, die stilistischen Vorgaben ihrer Lehrer*innen sind streng.
Wer möchte nicht im Leben bleiben?
Mich zieht Christinas Lebensgeschichte komplett in ihren Bann. Das liegt an der spannenden Erzählform, die Bukowski gewählt hat. Sie spricht Christina durchgehend in der zweiten Person Singular mit „Du“ an und erzeugt dadurch eine unglaubliche Nähe. Ich bin mit Bukowski direkt als Beobachterin in Christinas Leben dabei, möchte mit Bukowski eingreifen, dem jungen Mädchen Trost spenden und sie in den Arm nehmen.
Es schmerzt, dass nichts davon mehr möglich ist, die Zeit der Optionen unwiderruflich verstrichen ist, dass Christina schon lange tot ist.
Trotz dieser Nähe zeigt Bukowski aber auch immer die Grenzen der Fiktionalisierung auf. Wir können heute trotz der umfangreichen Dokumente und Hinterlassenschaften nur vermuten, wie es in Christina wirklich aussah, wie sie ihre Karriere und den Druck des Vorspielens wirklich empfunden hat. Und ob sie ihre Unfreiheit als solche gespürt hat.
“Ich bin überrascht, bringe deine Unordentlichkeit nicht mit dem Bild zusammen, das ich bis dahin von dir hatte. Du grinst mich an, »Hast du wirklich geglaubt, alles über mich zu wissen?«”
Spannend ist auch die Frage, wie sehr die Chronik des Vaters, in der er auch die letzten Wochen mit Christina vor ihrem Tod genau beschreibt, von eventuellen Schuldgefühlen und Rechtfertigungen eingefärbt ist. Würde eine Chronik von Christinas Mutter vielleicht ganz anders aussehen? Es gibt keine Antworten mehr auf die viele offenen Fragen, wie immer wenn ein Mensch nicht mehr da. Und auch keine Antwort auf die größte Frage, die nach oft nach einem Suizid bleibt: auf das Warum.
Ich finde, Helene Bukowski ist mit „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ ein außerordentlich mitreißender, wundervoller und trauriger Roman gelungen, der zeigt dass die Berliner Schriftstellerinnen meiner Meinung nach mit Recht zu den Virtuos*innen ihrer Zunft gezählt werden kann.
Zweifellos eine große Leseempfehlung!
Vielen lieben Dank an den Claassen Verlag und die Ullstein Buch Verlage für das wunderschöne und sehr gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg für Helene Bukowski für ihren neuen Roman.





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