Wir Töchter von Oliwia Hälterlein

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Wir Töchter Oliwia Hälterlein Rezension

Als ich letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse auf einem Bloggerinnentreffen die Autorin die ersten Auszüge aus ihrem Debütroman lesen hörte, wusste ich, dass ich den Roman lesen wollen würde.

Ohne diese Lesung hätte ich den Roman wahrscheinlich als einen der so zahlreichen Romane über Mütter, Töchter und Herkunft einfach ausgelassen.

Aber schon in dem kurzen Auszug hatte mich die literarische Qualität von Hälterleins Auszug überzeugt. Hälterlein, die auch als Moderatorin, Dramaturgin und Konzeptionistin von künstlerischen und soziokulturellen Projekten arbeitet, hat am Literaturinstitut Leipzig Literarisches Schreiben studiert und bereits einige literarische und feministische Essays veröffentlicht.

In ihrem Debütroman blickt Hälterlein auf die weiblichen Strukturen einer Familie: Großmutter, Mutter und Enkelin. Sie alle sind Töchter. Es sind die Lebensgeschichten von Marianna, Róża und Waleria, die alle in Polen geboren werden. Marianna, kurz nach dem zweiten Weltkrieg geboren, lebt noch das Leben einer einfachen Bäuerin, ihre Tochter Róża migriert mit ihrer kleinen Tocthter Waleria Ende der 80er nach Deutschland. Sie möchte ein anderes Leben für sich und ihre Tochter.

„Sie wollte luksus und meinte damit frei zu sein von all dem Bäuerlichen, Groben und Schlichten, das sie umgab. Hier in den gemütlichen Sesseln in der Hotellobby fühlte sie sich ihrem Ziel sehr nahe.“ 

Doch der Start in einem fremden Land ist nicht einfach und Hälterlein beschreibt die Schwierigkeiten, mit denen Róża zu kämpfen hat. Aber sie erzählt auch von dem Durchhaltewillen und Kampfgeist dieser Frau.

Überhaupt ist der Roman eine große Liebeserklärung an die Mutter und Großmutter, an die Babcia. An all die Frauen, die vor der Erzählerin Waleria kamen. Was, wenn Waleria diese weibliche Kette nicht fortsetzten kann oder möchte? Wenn alles mit ihr endet?

„Keine Tochter wird mich so ansehen, wie ich jetzt meine Mutter ansehe, keine Tochter wird mir Fragen über mich stellen, über unsere Geschichte. Ich fühle mich schuldig, sage ich leise.“

„Alles Erlebte und Erzählte umsonst, wenn jetzt niemand mehr nach mir käme?“

Wir Töchter und Wir Mütter und Wir Großmütter

„Warum interessierte sich niemand für ihre Schmerzen, aber alle dafür, ob sie ein Kind bekommen wollte?“

Wie schon beschrieben, finde ich die literarische Ausarbeitung des Roman sehr ansprechend. Die Passagen der Familiengeschichte sind klassisch jeweils auf verschiedenen Zeitebenen personal erzählt. Dazwischen stehen Textteile aus der Ich-Perspektive von Waleria, die ich besonders stark finde und die mir am besten gefallen.

Hälterlein verwendet außerdem einen Chor, den sie als Wir-Stimme der Ahninnen bezeichnet. Und der sich aus der Kraft der Gemeinschaft und Verbundenheit heraus, gegen Ungerechtigkeit und Beschränkungen positioniert. 

Stellenweise fehlte mir die emotionale Verbindung zu Marianna und Róża, die in den Passagen der Ich-Erzählerin wesentlich deutlicher ist. 

  • Oliwia Hälterlein
  • Wir Töchter Oliwia Hälterlein Klappentext

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