Endlich mal wieder ein richtiger Hardcore Lust auf Literatur Roman. „Zart ist das Fleisch“ ist hochgradig brutal, hochgradig verstörend und hochgradig gesellschaftskritisch. Im Original erschien „Cadáver exquisito“ bereits 2017 und sorgt in der englischen Übersetzung „Tender is the flesh“ für Bazterricas internationalen Durchbruch. Auch auf Deutsch ist der Roman unter dem Titel „Wie die Schweine“ bereits als Hardcover erschienen und jetzt endlich unter (komischerweise) anderem Titel als Taschenbuch.
Ich wollte diesen Roman dringend lesen, nachdem mir Bazterricas dystopisches „Die Nichtswürdigen“ so gut gefallen hatte. Aber genug der einleitenden Worte, kommen wir zur Sache.
In „Zart ist das Fleisch“ hat eine tödliche Viruspandemie alle Nutz- und Haustiere verseucht und den Genuss von Tierfleisch unmöglich gemacht, ohne sich selbst mit dem Virus zu infizieren. Nun ist der Hunger der Menschheit auf Fleischverzehr unstillbar und so findet sich eine folgerichtige und pragmatische Lösung: es wird einfach Menschenfleisch verspeist.
Marcos arbeitet in einem großen Schlachtbetrieb als rechte Hand des Chefs und ist dafür zuständig, dass alles reibungslos abläuft. Natürlich hat man auch eine passende Sprache gefunden, um das Schlachten von Menschen zu abstrahieren. Sie werden als „Stücke“ gezüchtet und man entfernt ihnen die Stimmbänder, damit sie sich nicht mehr verständigen können.
Das „Spezialfleisch“ ist extrem teuer und nur die reichsten Menschen können sich die beste Qualität leisten. Alle anderen plündern dann eben Leichenhallen, töten illegalerweise vielleicht auch mal den Nachbarn oder halten sich gleich heimlich eigene „Stücke“ für die Hausschlachtung.
Marcos, der nach dem Tod seines kleinen Sohnes noch vor Trauer völlig neben sich steht, kommt in die unangenehme Situation, dass er von seinem Chef als Anerkennung seiner Arbeit ein eigenes Stück zur privaten Verwertung bekommt: ein Weibchen von höchster Qualität, das er für den Eigenbedarf schlachten kann.
Zart ist das Fleisch – und schwach ist der Wille
Klingt heftig, und das ist auch. Bazterrica entwirft hier ein absolut dystopisches Setting, dass auch als gesellschaftskritische Parabel auf unserem ungeheuren Hunger auf Fleisch gelesen werden kann. Denn alles, was sich hier in „Zart ist das Fleisch“ in Bezug auf Fleischverzehr im Kontext auf Menschenfleisch absolut grauenhaft liest, findet in unserer Realität mit Tieren statt. Die von Bazterrica beschriebenen Perversitäten und grotesken Auswüchse finden jeden Tag in der heutigen Fleischindustrie statt.
Gegenüber dem Leid der fleischliefernden Lebewesen haben wir genauso eine Distanz geschaffen wie die Konsumenten des Menschenfleisches in Bazterricas Roman. Wir lieben unsere vakuummierten Fleischstücke im Supermarkt, die wir so günstig haben möchten, dass sie sich jeder jeden Tag leisten kann.
Bazterrica beschreibt eine abgestumpfte Gesellschaft, die es längst gelernt hat, das Leid anderer auszublenden. Die einen, um zu überleben, die anderen, um ihren Genuss und ihre Dekadenz nicht zu stören. Ein Spiegel unseres kapitalistischen Klassensystems.
Und Marcos und sein Weibchen? Er ist letztendlich genauso wie alle anderen Teil einer ökonomisch denkenden Gemeinschaft, in der es unmöglich scheint, dem eigenen Störgefühl nachzugehen oder gar Konsequenzen folgen zu lassen.
Vielen lieben Dank an den Suhrkamp Verlag für das großartige Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Agustina Bazterrica für ihren Roman.
Aus dem Spanischen von Matthias Strobel




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