Ingeborg Bachmann. Die Biografie von Andrea Stoll
Zum 100. Geburtstag der Dichterin und Schriftstellerin Ingeborg Bachmann sind gleich mehrere neue Bücher und Erinnerungen erschienen. Da ich schon viele Jahre aus unterschiedlichen Gründen von Bachmann fasziniert bin, und sicher schon mehr Literatur ÜBER die Autorin statt VON der Autorin gelesen habe, wollte ich natürlich auch einige der Neuerscheinungen lesen. Meine erste Wahl fiel auf die Biografie „Zwei Menschen sind in mir“ von Andrea Stoll, einer anerkannten Bachmann Forscherin.
In ihrem einleitenden Vorwort beschreibt Stoll, wie sich das Bild des Wechselspiels zwischen Bachmanns Leben und Werk in den letzten Jahren verändert hat. Gerade die Veröffentlichung von Briefen und Tagebüchern in jüngerer Zeit werfen neues Licht auf Legenden und Wirklichkeit im Werk Ingeborg Bachmanns.
“Diese veränderte Ausgangslage ist die Voraussetzung dafür, dass eine neue Biografie zum 100. Geburtstag nicht nur wünschenswert, sondern auch geboten scheint.”
Stoll erzählt Bachmanns Leben chronologisch von Kindheit bis zum Tod und legt besonderen Fokus auf die wichtigen Beziehungen, die ihr Leben geprägt haben. Das sind neben den wichtigen Liebesbeziehungen auch Freundschaften zu Frauen und Männer, die sie oft über viele Jahre begleitet haben.
Vieles ist mir natürlich schon aus anderen Büchern bekannt. Unvergeßlich ist mir da besonders der relativ neu unter dem Titel „Wir haben es nicht gut gemacht“ veröffentlichte und sehr intime Briefwechsel zwischen Bachmann und Frisch. So intim, dass es streitbar ist, ob dieser Briefwechsel überhaupt veröffentlicht werden sollte, vor allem da Bachmann sich selbst gegen eine Veröffentlichung verwehrt hat.
“Zwei Menschen sind in mir“ – das zerrissenene Ich der Ingeborg Bachmann
Was mich beim erneuten Durchgehen des Lebensverlaufes von Ingeborg Bachmann stark betroffen macht, ist der mehrmalige Verrat durch ihr nahestehende Männer, den sie erleben musste. Stoll gibt eine Ahnung davon, wie sehr Bachmann davon verletzt gewesen sein muss. Ebenso die Sexismen, denen Bachmann im Literaturbetrieb ausgesetzt war und die sich aus heutiger Perspektive bitter und unerträglich ausnehmen.
Stoll geht ausgiebig auf die Verbindung zwischen Bachmanns jeweiliger Lebenssituation und deren Einfluss und Verarbeitung in ihrem Werk ein. Dabei zitiert sie oft Textpassagen, Interview- und Briefausschnitte und Zeitzeuginnen. Eine gelungene Mischung, wie ich finde. Ebenfalls sehr gelungen finde ich den Schreibstill, dem ich auch als Nicht-Literaturwissenschaftlerin ohne Probleme und mit Lesegenuss folgen kann (leider nicht bei jeder Biografie selbstverständlich).
Allerdings hat mich manchmal Stolls Wortwahl, besonders bezogen auf die Darstellung von Bachmanns Beziehung zu Max Frisch irritiert. Da ist die Rede von „gezielt geangelt“ und „Eroberungstaktik“, was ich persönlich ein bißchen als ein merkwürdig unpassendes Framing empfunden habe.
Die Biografie war, wie ich finde, für mich eine sehr gute Wahl, die ich jetzt aber nicht so stehen lassen möchte, sondern die ich (irgendwann) mit Dieter Burdorfs Biografie „Dieses unruhige Ich“ vergleichen möchte, die ich auch schon zu Hause liegen habe.
Vielen lieben Dank an den Piper Verlag für das sehr gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Andrea Stoll für ihr neues Buch!





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