Was ist es nur, dass ich jetzt nach „Vaterlos“ von Thomas Medicus, „Mein Bruder Wolf“ von Lara Taveirne und dem großartigen „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ von Helene Bukowski mit „So voller Leben“ schon wieder einen Roman in der Hand halte, der den Suizid eines Familienmitgliedes verarbeitet.
Hatten die Verlage dieses Frühjahr einfach mehr davon in ihren Programmen? War meine Auswahl rein zufällig, oder stecken andere Gründe dahinter, die mir gerade verborgen sind. Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass mich auch Pascales Hugues‘ Erinnerungen und Spurensuche zum Leben und den Tod ihrer Mutter wieder sehr angerührt hat. Ähnlich wie Thomas Medicus in „Vaterlos“ beschränkt sich Hugues nicht nur auf eine persönliche und intime Geschichte, sondern erstellt gleichzeitig ein faszinierendes gesellschaftliches Porträt des vergangenen Frankreichs.
Hugues Mutter Yvette wird 1929 im elsässischen Colmar geboren. Sie erlebt den Zweiten Weltkrieg sowie die extremen Umbrüche, die die Region danach erfährt.
Als erwachsene Frau durchlebt Yvette mehrfach manisch-depressive Psychosen, heute würde vermutlich die Diagnose bipolare Störung gestellt werden.
Zu der Zeit, zu der ihre Symptome nicht mehr gesellschaftlich assimiliert werden können, und Yvette Behandlungen und „Erholung“ in Kliniken bedarf, sind psychische Erkrankungen noch mit großen Vorurteilen und mit sozialem Stigma belegt.
„Die Depression war die Laune einer gelangweilten Bourgeoise, die nicht weiß, wie sie ihre Nachmittage verbringen soll, und zum Zeitvertreib eine Krankheit erfindet.“
Auch die junge Hugues erfährt als Kind und Jugendliche wenig von der Erkrankung der Mutter. Erst viel später geht sie auf Spurensuche und recherchiert die Krankheits- und Lebensgeschichte ihrer Mutter.
So voller Leben – und gleichzeitig todtraurig
Sie findet eine lebenshungrige Frau, die schon als Kind in ein starres Korsett gezwungen wurde und sich nie wirklich frei entfalten konnte. Später, als junge Erwachsene, drängen sie Ehe und zwei Kinder in die nächste vorgegebene feste Rolle.
Aber waren wirklich individuelle und gesellschaftliche Zwänge schuld an Yvettes psychischer Erkrankung und schließlich an ihrem Selbstmord.
Hugues beschreibt die Umbrüche im Frankreich der 68er und wie sehr sich ihre Mutter für die feministische Bewegung engagierte. Ich finde diese Kapitel unglaublich interessant und super spannend angesichts von Entwicklungen in den letzten Jahren, die ich als Feministin zu beobachten glaube.
Das Leben von Yvette, Hugues Mutter, endet unendlich traurig mit einer Verzweiflungstat. Und doch überwiegt in „So voller Leben“ nicht die Trauer. Sondern in Hugues Erinnerungen und Gedanken überwiegen die Liebe und die Lebensfreude, die Yvette genauso in ihr Umfeld gebracht hatte.
Hugues schrieb „So voller Leben“ als sie bereits älter ist, als ihre Mutter jemals geworden ist. Und ich spüre förmlich wie ihr Text einen Raum für diese Frau gestalten soll. Und zwar nicht nicht als Mausoleum, sondern als lebendige Möglichkeit auch für uns, diese Frau und die Zeit in der sie gelebt hat kennenzulernen.
Vielen lieben Dank an den Rowohlt Verlag für das schöne und gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Pascale Hugues für die deutsche Ausgabe ihres Buches.
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Auch bei krachfink findest du einen Review über das Buch.





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