Ich lese viel mehr Romane über Frauenfreundschaften als über Männerfreundschaften. Und sie gefallen mir in der Regel auch besser. „Unter Freunden“ von Hal Ebbott ist die erfreuliche Ausnahme von dieser Regel, ich fand den Roman großartig!
Ja, er liest sich meiner Meinung nach etwas hochgestochen und fast holprig in seiner altmodisch anmutenden Ausdrucksweise, zumindest wenn ich den Stil mit zeitgenössischen Romanen vergleiche, die sonst in letzter Zeit gelesen habe. Aber die Geschichte ist einfach fesselnd und mitreißend.
Und eigentlich passt der von Hal Ebbott gewählte Schreibstil auch perfekt zum Setting. Wir bewegen uns nämlich in gehobeneren Kreisen. Man hat zumindest gute, und gediegene Berufe, genügend Geld und eine äußerst wohlgeratene kleine Familie.
Man ist in diesem Fall Amos und Emerson. Die beiden Männer sind gerade über fünfzig Jahre alt und sind seit ihrer Jugendzeit die besten Freunde. Dass ihre Herkunfts- und Familiengeschichte äußerst unterschiedlich ist, merkt man ihrem Lebensstil heute nicht mehr an. Ihre ebenfalls wohlhabenden Ehefrauen aus gutem Hause sind befreundet, beide haben Teenagertöchter im gleichen Alter und bewegen sich in den gleichen wohlhabenden New Yorker Gesellschaftskreisen.
Aber unter der Oberfläche dieser Freundschaft gären alte Abhängigkeiten, Gefühle und Rivalitäten der beiden Männer. Beide sind jeweils in Bezug auf den anderen verletzlich.
Als Emerson Amos und seine Familie zur Feier seines 52. Geburtstags für ein Wochenende auf sein Landgut einlädt, kommt es zu einem gewalttätigen Vorfall, der alles plötzlich in Frage stellt und die unterdrückten Gefühle aus der Vergangenheit in die Gegenwart katapultiert.
Du bist doch unter Freunden – oder?
Nicht nur die Freundschaft der beiden Männer steht plötzlich am Scheideweg, sondern die Ehen und Familien gleichermaßen.
Die Tat und das daraus resultierende moralische Dilemma (sofern es denn eines wäre) ist sicher eines, das ich schon in unzähligen Romanen, Filmen und Serien so ziemlich in der gleichen Konstellation schon gesehen habe und mich nicht überrascht.
Überraschend finde ich, was Hal Ebbott daraus macht. Er eröffnet mit dem Vorfall einen tiefen Blick in die Psyche der Männer und darauf, wie sie und ihre Freundschaft wurden, was sie sind. Dass die Innenwelten der Frauen und Töchter nur weitaus oberflächlicher beleuchtet werden und nur als Kulisse für die Männer dienen, würde ich hier nicht kritisieren.
Ich fand es wirklich sehr gelungen, wie Ebbott in den Kern dieser Männerbeziehung eintaucht und seine Charaktere entblößt. Auch den Schluss finde ich in dieser Gratwanderung zwischen Utopie und Realität sehr passend und mit viel Können aufs Papier gebracht.
Also sicher kein neuer Stoff (falls es so etwas überhaupt geben sollte) und auch mit dem Schreibstil hatte ich so meine Berührungsschwierigkeiten, und dennoch war ich hingerissen von der psychologischen Machart von Ebbotts Geschichte.
Vielen lieben Dank an den claassen Verlag und den Ullstein Buch Verlagen für das gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Hal Ebbott für die deutsche Ausgabe seines Romans!
Aus dem Englischen von Jan Schönherr





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